1. Mai 2020

Liebe Hilfskräfte, liebe Kolleg*innen, liebe Alle!
Wir begrüßen euch etwas verspätet zum Sommersemester, das für uns alle ganz anders stattfindet, als wir uns das hätten vorstellen können. Die Covid-19-Pandemie wirft viele Planungen über den Haufen und wichtige gesellschaftspolitische Themen werden in den Hintergund des öffentlichen Bewusstseins verdrängt. Wir wollen deshalb am diesjährigen 1. Mai auf wichtige Probleme von uns Hilfskräften aufmerksam machen. 
Auch für Hilfskräfte bringt die Pandemie einige Probleme mit sich: Tutor*innen müssen ihre Lehre auf Online-Formate umstellen, Vertragsabschlüsse oder -verlängerungen sind ungewiss, Hilfskräfte haben keinen Zugang zu Uni-PCs und der damit verbundenen Software und so wie generell nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Kommiliton*innen über einen Heimarbeitsplatz verfügen, kann dies auch nicht von uns Hilfskräften verlangt werden.
Aber auch von Corona unabhängige Problemlagen des prekären Anstellungsverhältnisses bleiben erhalten.
Wir Hilfskräfte gelten als Sachmittel und können unsere Interessen nicht durch den Personalrat stark machen. Abrechnungstechnisch fallen wir in die gleiche Kategorie wie Kopierpapier und Büroklammern! Wir sind aber keine Sachmittel! Wir sind Angestellte und wollen auch als solche behandelt werden! Das heißt, wir fordern einheitliche tarifliche Regelungen zum Beispiel zu Lohn, Urlaubsanspruch, präzisen Tätigkeitsbeschreibungen und Beschäftigungszeiten!
Die meisten Hilfskräfte stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren direkten Vorgesetzten. Dem Prof. Sonntagnachmittag noch 200 Seiten einscannen? Kein Problem, denn ich will ja meine Bachelorarbeit bei ihm schreiben und er entscheidet über meinen Studienerfolg. Für die Profin ständig erreichbar sein und binnen kurzer Zeit auf Mails antworten, Freizeitpläne umwerfen? Klar, schließlich will ich in ihrem Fachgebiet promovieren und von ihr hängt ab, ob ich einen Fuß in die Tür zur wissenschaftlichen Karriere setzen kann. Einfach mal aufmucken und in solchen Abhängigkeitsverhältnissen die Meinung sagen ist da schwierig.
Aber auch für diejenigen, die keine wissenschaftliche Laufbahn anstreben, sondern „einfach nur“ darauf angewiesen sind, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, bedeutet ein Hilfskraftjob alles andere als Sicherheit. Verträge sind befristet, sodass Lohnsicherheit selten länger als ein halbes oder ein Jahr besteht und Hilfskräfte haben kein Recht auf eine Vertragsverlängerung. Auch hier schlägt sich die schon genannte Abhängigkeit nieder. Um meinen Vertrag verlängert zu bekommen, mache ich dann lieber all die Unmöglichkeiten, die von mir verlangt werden.
Die Doppelbelastung, die sowieso durch Job und Studium (und evtl. andere Verpflichtungen wie Kinderbetreuung) schon besteht, wird aktuell verstärkt durch die Unsicherheit, wie es mit dem Studium und Lehrbetrieb in diesem Semster und auch darüber hinaus weitergeht. Verschobene Prüfungen müssen nachgeholt werden und die Lehre wird stellenweise nur eingeschränkt angeboten werden können. Praktika innerhalb und außerhalb der Uni können vielleicht nicht angeboten oder wahrgenommen werden und es werden sich bei vielen Verzögerungen im Studienverlauf zeigen. Gerade für Studis, die sich ihr Studium ohne BAföG oder Stipendium finanzieren müssen, wachsen damit die Belastungen und Zukunftsängste. Der Notfonds des Landes Hessen für Studierende, der maximal 200€ pro Studi vorsah und bereits nach Stunden durch die eingegangen Anträge ausgereizt war, kann dabei nichtmal als „Tropfen auf dem heißen Stein“ gesehen werden. Wir fordern schnelle, unbürokratische finanzielle Hilfe für alle Studierenden, ohne Anforderung an Nachweise über Studienverzögerungen oder Lohnausfälle!
Am 1.Mai und jeden Tag lautet unsere Forderung deshalb: Solidarität zeigen – Hilfskräfte in den Tarifvertrag! Ohne uns Hilfskräfte würde kein Buch aus der Bibliothek ausgeliehen werden können, das HRZ nicht laufen, Forschung und Lehre nicht stattfinden – kurz: ohne die knapp 1500 Hilfskräfte (Stand 01.07.2019), die an der Uni Marburg arbeiten, würde der Unibetrieb nicht laufen. Wir fordern, dass unsere Arbeit auch dementsprechend wertgeschätzt wird, nämlich mit der Aufnahme in den Tarifvertrag für die Angestellten des Landes Hessen!
Vor allem wissenschaftliche Hilfskräfte leiden unter ihrem Anstellungsverhältnis. Qualifiziert mit ihrem Masterabschluss übernehmen sie dieselben Aufgaben wie wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, allerdings zu einem Lohn, der kaum eine Existenz sichern kann und unter all den genannten unmöglichen Bedingungen von Hilfskraftstellen. Dass wir nach wie vor die Abschaffung von Wissenschaftlichen Hilfskraft-Stellen und ihre Überführung in tarifgebundene Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen-Stellen fordern müssen, erscheint wie blanke Ironie. Denn laut dem Hessischen Hochschulgesetz existieren diese Stellen bereits nicht mehr. Liebes Präsidium der Philipps-Universität, machen Sie Schluss mit diesen prekären Anstellungsverhältnissen!
Wenn auch unter anderen Umständen und Einschränkungen aufgrund der Covid-19-Pandemie, bleiben wir natürlich laut und aktiv, kämpfen weiterhin für bessere Arbeitsbedingungen und sind für euch da!
Beratungsanfragen könnt ihr uns per Mail an hilfskraftinitiative@asta-marburg.de stellen. Auch wenn ihr unsicher seid, ob Corona-bedingte neu an euch herangetragene Aufgaben oder veränderte Arbeitsbedingungen klar gehen, zögert nicht, uns zu kontaktieren! 
Unser Programm müssen wir in diesem Semester leider einschränken. Die Vollversammlung, bei der wir auch ein*e neu*e Referent*in wählen, wird dieses Semester per Videokonferenz stattfinden. Wir klügeln gerade die Details aus und werden euch rechtzeitig informieren.
Hinter den Kulissen arbeiten wir natürlich auf Hochtouren weiter, unter anderem an der Einführung weiterer Vertrauenspersonen. Nachdem wir letztes Jahr im Pilot-Fachbereich 05 die erste Vertrauensperson und damit die erste Vertretung von Hilfskräften auf Fachbereichsebene gewählt haben, wollen wir in den restlichen Fachbereichen und Einrichtungen der Uni nachziehen, sodass das zu einem flächendeckenden Konzept wird und ihr euch auch dezentral verbünden und für eure Interessen kämpfen könnt!
Schaut gern auf unserem Blog und auf social media vorbei, dort halten wir euch über unsere Aktivitäten auf dem Laufenden! Dort posten wir auch in den nächsten Tage die Fotos, die uns zur Fotoaktion erreichen, sendet gerne weiter fleißig Fotos an uns!
Und wer weiß, vielleicht können wir uns zum Semesterende ja wieder auf ein Feierabendbierchen treffen 🙂
Kämpferische Grüße aus dem Home Office
Eure Hilfskraftinitiative
#AufstandDerSachmittel